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Werte für Insolvenzgläubiger sichern

Unübersichtliche Dokumte im insolventen Unternehmen sind keine Seltenheit; und dennoch sollen Werte gesichert, Sachverhalte aufgeklärt und mögliche Anfechtunggsgründe im Interesse der Gläubiger aufgedeckt werden.
Ein Interview mit der Auswertungsspezialistin und Kundin des Insolvenz-Portals, Gertrud Behre.

 

Insolvenz-Portal: Frau Behre, Sie werten als freie Mitarbeiterin für Kanzleien Dokumenten im insolventen Unternehmen aus. Wie kommen Sie zu dieser außergewöhnlichen Tätigkeit?

Gertrud Behre: Ich bin (gelernte) Kriminalbeamtin – und nach fast 40 Dienstjahren seit drei Jahren außer Dienst. Insgesamt 17 Jahre war ich im Bereich Wirtschaftskriminalität tätig, die letzten sieben Jahre waren Insolvenzdelikte mit dem Schwerpunkt Insolvenzverschleppung, Bankrott, Schuldner- und Gläubigerbegünstigung mein Spezialgebiet ; häufig gab es Überschneidungen zu Untreue, Unterschlagung, illegaler Beschäftigung, Kapitalanlagebetrug und anderen Betrugsdelikten.

 

Insolvenz-Portal: Was ist das Besondere an ihrer Arbeit?

Gertrud Behre: Ich ermittele nicht zu Insolvenzdelikten im insolventen Unternehmen, sondern ich werte Unterlagen zu einem Insolvenzverfahren aus. Auswertung sehe ich als Basis für alle weiteren Maßnahmen – grundsätzlich immer zur Klärung von Sachverhalten –im Insolvenzverfahren zur Sicherung von Werten.

Das Besondere meiner Arbeit ist die Auswertung selbst. Das beginnt in der Regel schon mit den auszuwertenden Unterlagen: Schriftstücke unterschiedlicher Herkunft und/oder Daten über Unternehmen und Personen aus verschiedenen Quellen, evtl. auch Foto- und Tondokumente, manchmal unsortiert. Viele unterschiedliche Formate, die sich nicht ohne Weiteres einheitlich in eine starre Tabelle eingeben lassen. Deshalb ist die Tabelle flexibel, muss während der Eingabe veränderbar bleiben, bis die eingegebenen Daten ihren Sinn erfüllen: Möglichst viel Informationen – soweit möglich, in einer Gesamtdatenbank. Und weil jede Tabelle eben nur funktioniert, wenn man genau weiß, wonach man sucht, gibt es zu jeder Auswertung einen Vermerk.

Darin ist die Auswertung erläutert, sind Fragestellungen aufgezeigt, die Ergebnisse erklärt und es wird auf die entsprechenden Untertabellen hingewiesen, die zu den maßgeblichen Themen angelegt sind.

Sie ist spezifisch. Speziell im Insolvenzbereich sieht das so aus: Neben den Grunddaten ergänze ich Marker mit insolvenzrelevanten Begriffen. So werden Zahlungsverzögerungen, Pfändungen, Mahnungen der Sozialversicherungsträger, Zahlungsabsprachen mit Gläubigern usw. unter Angabe der Fundstelle des Dokuments – mit Datum, Adressat, Absender und allen für die Insolvenz interessanten Einzelheiten –  belegbar. Und Auffälligkeiten, z.B. Zahlungen, die evtl. nicht zum Gegenstand des Unternehmens passen oder fehlende Kontounterlagen, erhalten eine Anmerkung. 

Sie ist individuell. Beispielsweise die Auswertung „gemischter“ Unterlagen nach Insolvenzantrag eines Teilbetriebs eines sonst offensichtlich erfolgreichen Familienunternehmens – bestehend aus Ausgangsrechnungen, Eingangsrechnungen, Quittungen, Kontounterlagen und einer krisenbedingt unvollständigen BWA.

Die insolvenzspezifischen Marker wurden durch branchentypische und individuelle Begriffe (z.B. Kassenbuch, Quittung) ersetzt bzw. ergänzt und zeigten, dass man bei der Buchhaltung genauer hinsehen sollte, z.B.

  • Personalkosten, lt. BWA 0,00 €, bei einer ausgesprochen personalintensiven Branche;
  • geringer verbuchte Energiegesamtkosten bei einer energieintensiven Tätigkeit, obwohl alleine die Stromrechnung einen höheren Betrag aufwies;
  • keinerlei Buchungen für Darlehen in der BWA, obwohl Quittungen belegten, dass diese, ebenso wie die Personalkosten, aus der Barkasse beglichen worden waren.

Der Darlehensgeber hatte es wohl versäumt, sich in die Gläubigerliste einer früheren Insolvenz des Unternehmers eintragen zu lassen. Anfechtungsansprüche gaben Hoffnung auf Füllung der Gläubigerkasse und auch darauf, dass der zweifach insolvente faktische Geschäftsführer im Familienunternehmen nicht nur aus der Reihe der eingetragenen Geschäftsführer verbannt würde.

Oder die Auswertung mehrerer Konten im Rahmen von Privatinsolvenzen – nach gesondert strafrechtlich verfolgter Untreue und nach scheinbar privaten Kapitalanlagen mit geliehenen Geldern.

Hier nutzte meine kriminalistische Erfahrung, um nach Mustern zu suchen: Wiederholte Zahlungen an Dritte, Bar(aus)zahlungen, Zahlungen mit unklarem Verwendungszweck, Zahlungen an/von Konten der Familie, Hinweise auf weitere Konten-Verfügungsberechtigungen, Lücken in den bei der Insolvenzverwaltung abgegebenen Kontounterlagen, Versicherungszahlungen, Hin- und Herbuchen zwischen mehreren Konten des Schuldners, um höhere Umsätze zu suggerieren.

Insolvenz-Portal: Zu welchen Schwerpunkten ermitteln Sie in der Regel? Suchen Sie gezielt nach Insolvenzdelikten?

Gertrud Behre: Ich werte aus, was mir die Insolvenzverwalter zum Auswerten geben. Es waren bisher weniger Kriminalinsolvenzen, aber immer Insolvenzen mit Auffälligkeiten. Natürlich muss die Chance bestehen, dass durch die Auswertung zusätzliche Werte für die Gläubiger gesichert werden können. Diese Auswahl muss von den Insolvenzverwaltern getroffen werden, bevor sie mich beauftragen.

Insolvenz-Portal: Welche Medien, Daten und Unterlagen werten Sie aus? Und wie gehen Sie vor, wenn das Material unvollständig ist?

Gertrud Behre: Grundsätzlich kann alles, was lesbar ist (auf Papier oder in elektronischer Form), ausgewertet werden, das gilt auch für Ton- und Bilddokumente. Ich erhalte von den Auftraggebern, je nach Ziel der Auswertung, nur Teile der Insolvenzunterlagen. Demnach arbeite ich immer mit unvollständigem Material.

Aber viel interessanter sind Dokumente, die sich unter den auszuwertenden Unterlagen befinden müssten, z.B. fehlende Kontoauszüge oder Lücken in den Rechnungsordnern. Diese Fehlstellen finden sich dann oft erst bei der Dateneingabe – und sind dann reif für eine gesonderte Anmerkung in der Tabelle und im Vermerk.

Insolvenz-Portal: Können Sie uns ein besonders interessantes Beispiel aus der Praxis schildern?

Gertrud Behre: Dass es nicht immer der Schuldner ist, dem man nachsteigen sollte, zeigt dieses Beispiel:Der geschäftsführende Gesellschafter einer Dienstleistungs-GmbH hatte den Betrieb eingestellt; das Unternehmen hatte aufgrund der angespannten Auftragslage schon mehrere Mitarbeiter an die Konkurrenz verloren; in der technikaffinen Branche war das kleine Unternehmen nach 30 Jahren zu unmodern geworden. Vom Insolvenzverwalter hatte ich den Tipp auf „komische Ausgangsrechnungen“ bekommen. Manche Ausgangsrechnungen waren den Zahlungseingängen nur schwer zuzuordnen, denn die dem Baugewerbe nahestehende Dienstleistung unterlag, wie in diesem Gewerbe üblich, wiederholt Wertminderungen. So entsprach kaum eine Eingangszahlung der ursprünglichen Rechnung.

Das Auffälligste war jedoch, dass es mehr Zahlungseingänge als Ausgangsrechnungen gab. Und es fehlte nicht etwa ein Ordner oder einige Rechnungen aus dem Zeitraum x, sondern es fehlten Ausgangsrechnungen aus mehreren Ordnern und verschiedenen Zeiträumen.

Dies war letztlich nur damit zu erklären, dass die „abgewanderten“ Mitarbeiter die vom insolventen Dienstleister mit großem Aufwand geplanten und teilrealisierten Projekte nebst Ausgangsrechnungen, die nach Bauabschnitt bezahlt worden waren, zwecks Fertigstellung zur Konkurrenz mitgenommen hatten.

„Ich wage die Behauptung, dass es mir bisher immer gelungen ist, für die Insolvenzverwalter Vorlagen für Anfechtungen und Klagen im Interesse der Gläubiger zu schaffen.“

 

 

Kontakt:  Gertrud A. Behre; Bahnhofsplatz 1, 64560 Riedstadt
                   Tel.: 0157 / 58 44 7664
                   gertrud.behre@gmx.de

 

 

 

Bild: Sira Anamwong / FreeDigitalPhotos.net